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Unter Brüdern

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Martin Haidinger, Unter Brüdern. 230 Seiten, Format 14,5x20 cm, gebunden.
Er ist längst als eine der interessantesten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Farbstudententums bekannt: Der Wiener Martin Haidinger, ein flotter Enddreißiger mit endzeitlichen Vorlieben: Schon als Zwanzigjähriger legte er 1989 seine couleurstudentische Karl-Kraus-Parodie »Die letzten Schlucke der Menschheit« vor, die zum Besten gehört, was im Bereich der studentischen Satire jemals vorgelegt wurde.Buch "Unter Brüdern" Erzogen in der couleurstudentisch hochprofilierten Wiener MKV-Verbindung Borussia, wurde sein angeborenes scharfes Denkvermögen dort mit einer gehörigen Portion von Angriffslust vermengt – nicht umsonst war er zeitweise Chefredakteur des seit gut 50 Jahren berühmt-berüchtigten »Borussen-Echos« – und ließ einen korporativen Lebenskünstler heranwachsen, gemütlich und scharfzüngig, geistvoll und trinkfest, genießerisch und sensibel, kurz: eine ebenso anregende wie aufregende Mischung aus Peter Altenberg und Blaurotem Methusalem.

Martin Haidinger ist professioneller politischer Journalist beim Österreichischen Rundfunk, daneben Rezitator und Kabarettist. Publizistischer erfolgreich war er bislang mit einem preisgekrönten Text-Bildband über Siebenbürgen, als Co-Autor einer Dokumentation über Geheimdienste und mit seinem ersten Roman »Pranger«. Ein weites Spektrum also, das beispielhaft für die intellektuelle Vielseitigkeit des sponsierten Historikers steht. Nun liegt seit einigen Wochen vor, was lange angekündigt und erwartet war: Sein erster Couleurroman! »Unter Brüdern« heißt das Opus, das laut Werbetext des Verlages in der Tradition vom Otto Julius Bierbaum, Heinrich von Schullern und Walter Bloem steht, in Wirklichkeit aber so völlig anders ist.
Haidinger schildert den Werdegang des Lukas Westermayer v. Rülpsi als aktiver Bursch der Verbindung Palaio-Palatia. Aber er schreibt alles andere als eine Couleuridylle. Formell tarnt er seine Geschichte als Krimi: Ungeheuerliches geschieht, aus der Bude verschwinden so hehre und wichtige Dinge wie Fahnen, Wappen und sogar Bier! Ein Einzeltäter? Ein Gruppe politischer Quertreiber? Oder gar eine geheimbündlerische Verschwörung? Haidinger schöpft aus dem übervollen Reservoir seiner korporationsstudentischen Erfahrung. Dabei schwelgt er weder in jugendlicher Romantik noch gefällt er sich in selbstkritischer Analyse. Er erzählt seine Geschichte, wortgewandt, witzig und ohne Scheu vor einer grotesken Realität.
Obwohl die Handlung in Österreich spielt und unverhohlen im CVnahen Milieu angesiedelt ist, birgt sie für jeden Korporationserfahrenen unleugbare Wiedererkenneswerte – ein ebenso amüsantes wie respektloses Spiel mit Proto- und Archetypen. Und doch muß eingeräumt werden, daß der österreichische Hintergrund von großer Bedeutung zum Verständnis des Buches ist: die gesellschaftspolitische Rolle, welche das Couleurstudententum dort jahrzehntelang gespielt hat und teilweise immer noch spielt, auch das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Waffenstudenten und katholische Korporierten, das in Österreich ungleich stärker polarisiert ist als in Deutschland.
Was die Geschichte so gänzlich abhebt von der traditionellen Form der Couleurromane – einer eigentlich ausgestorbenen Spezies in oft beklemmender Nähe zum Trivialen – ist das provokante Wechselspiel von Satire und Polemik. Ein Erbauungsroman ist das nicht, auch wenn er sich vordergründig frech und frisch liest. Die titelgebenden Brüder drängen zunehmend peinliche Fragen über wahlverwandtschaftliche Beziehungen auf. Aber gerade darin liegt die Stärke des Buches. Es gaukelt uns keine wohlige Wunschwelt vor, sondern es bewegt sich in der alltäglichen Sphäre kauziger Kreatürlichkeit. Wer immer zu diesem Buch greift, sollte zwingend damit rechnen, daß er sich darin wiederfindet, auch wenn er es nicht bemerkt.

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